Zwischen „Wahnsinn“ und dem „Einfach nur so“ - Austausch 2016/17


Zwei Lieder und eine grobe Idee

Seit mehr als sieben Jahren fahren nun schon Humboldt-Schüler gen Osten, um in Poznan (Polen) in der Begegnung mit Gleichaltrigen ihren kulturellen und fremdsprachlichen Horizont zu erweitern. Oft stand der Polenaustausch unter einem musikalischen Motto.

 

Auch dieses Mal hatten wir viel Musik im Gepäck. Darunter „Wahnsinn“ und „Einfach nur so“, zwei Lieder aus dem Musical „Der kleine Tag“ von Wolfram Eicke und Rolf Zuckowski, welches im letzten Halbjahr von der Musical-AG so zauberhaft aufgeführt wurde, dass die Idee entstand, eine überarbeitete Version mit englischsprachigem Erzähler, deutschen und polnischen Liedern sowie zusätzlichen Tänzen durch die Teilnehmer des diesjährigen Polenaustausches vom 5. bis 12. März einüben zu lassen. Kein leichtes Unterfangen, soll dem Zuschauer doch glaubhaft vermittelt werden, dass ein kleiner Tag von einem Stern geleitet seinen Weg zur Erde findet und dort viele vermeintlich unspektakuläre Dinge erlebt.

Doch Besuch und Projekt standen wirklich unter einem guten Stern. Überrascht von der Gastfreundschaft ihrer Partner und deren Eltern lernten 13 Schülerinnnen und fünf Schüler der Humboldt-Schule aus den Jahrgängen 7 bis 9 begleitet von Frau Sauer und mir den kleinen polnischen Alltag kennen.

"Am Anfang waren wir ein bisschen unsicher, wie es in einem fremden Land mit einer fremden Sprache sein wird", meinte Sandra. "Aber es stellte sich heraus, dass diese Unsicherheit unbegründet war", fügte Lani hinzu.

Neben dem bewährten offiziellen Programm aus Kennenlern-Aktivitäten, Unterrichtsbesuchen, Sportstunden und Stadtrallye blieb an den meisten Abenden viel Freizeit, die von den Jugendlichen und Gasteltern selbst und sehr abwechslungsreich gestaltet wurde. "Nach der Schule trafen wir uns in Gruppen, um ´Lasertag´ zu spielen, oder sind ins Erlebnisbad ´Termy´ gegangen", erzählte Sophie. Andere unternahmen auch einen Ausflug in einen Naturpark oder gingen bowlen.

Dazu kam die Arbeit am Musical, die wir in der abgeschiedenen Atmosphäre eines Bauernhofes im zwei Autostunden entfernten Szamocin aufnahmen. Es war anfangs mehr „Wahnsinn“ als „Einfach nur so“, denn unsere polnische Kollegin hatte sich ein ambitioniertes Repertoire an Tänzen und Gängen ausgedacht, die mit den bereits vorhandenen Lieder und Szenen verbunden werden sollten. Alles innerhalb von zweieinhalb Tagen bühnenreif einzuüben, verlangte neben schauspielerischen und musikalisch-tänzerischen Fähigkeiten vor allem viel Geduld und Gleichmut. Dabei erwies es sich als glückliche Fügung, dass einige bereits an der deutschen Version mitgewirkt hatten und einige tapfere Helden Sonderaufgaben wie die Klavierbegleitung und Soloparts übernahmen.

Nun fragen sich kluge Leute vielleicht. Warum das alles? Warum Posen? Warum mehrere „kleine Tage“ ohne regulären Unterricht? Vielleicht aus Freude an der musikalischen Herausforderung, vielleicht um in einer anderen Kultur Bekanntes zu entdecken, oder auch … einfach nur so.

Kay-Broder Binge

Partnerschule und Partnerstadt

Die Schule „Społeczna Czwórka“ („Die gemeinschaftliche Vierte“) wurde 1991 als reine achtklassige halbprivate Grundschule Nr. 4 mithilfe einer Eltern-/Lehrerinitiative gegründet und erhielt sechs Jahre später mit dem bekannten Posener Botaniker und Pädagogen Adam Wodziczko einen Namenspatron. Im Zuge der Schulreform wurde im Herbst 1999 die Grundschule auf sechs Jahre verkürzt und ein dreijähriger weiterführender Schulgang, das so genannte „Gimnazjum nr.4“ (vergleichbar mit unser Mittelstufe), eingeführt. Die Schüler können also nach drei Jahren ihren Abschluss machen, der sie dazu berechtigt, auf ein „Liceum“ zu gehen, wo sie wiederum nach drei Jahren das „Matura“ (die allgemeine Hochschulreife) bestehen müssen.

2001 zog die Schule in ein neues, geräumigeres Gebäude außerhalb des Innenstadtkerns. Für viele Eltern, die ihre Kinder meist von auswärts hinbringen müssen, ist dies ein Segen. 2005 wurde eine kleine Mehrzweckhalle in den Schulkomplex integriert. Hier finden sowohl Elternabende, Theateraufführungen oder sportliche Wettkämpfe statt.

In etwa 18 Klassen (12 der Grundschule, 6 des „Gimnazjums“) arbeiten Lerngruppen von höchstens Personen, sodass die Schülerzahl unter 300 liegt.

Ganz im Sinne ihres Namensgebers versucht die Schule durch viele ganzjährige und fächerübergreifende Aktivitäten, ein Bewusstsein für die Umwelt und ihre Schutzbedürftigkeit zu wecken. Namentlich sie hier ein Projekt erwähnt, bei dem Schüler des „Gimnazjums“ in einigen besonders trostlosen Straßenzügen der Posener Innenstadt alte Bäume auf Umweltschäden untersuchten und neue pflanzten.

Darüber hinaus gibt es ein verstärktes Angebot an modernen Fremdsprachen: Englisch wird ab der ersten Klasse unterrichtet, im "Gimnazjum" sogar fünfstündig, daneben wahlweise Spanisch und Deutsch, jeweils zweistündig. In diesem Zusammenhang ist es nicht verwunderlich, dass die Schule sehr an einem dauerhaften Austausch mit der Humboldt-Schule interessiert ist. Bereits in der Grundschule finden regelmäßig ein- bis zweitägige Schulausflüge nach Berlin und Dresden statt, die von der polnischen Leiterin des Austausch mit Kiel, Frau Sylwia Denka, organisiert werden.

Freundschaft beruht auf Gegenseitigkeit

Beruhigende Erfahrungen für Polen und Deutsche

Freundschaft beruht auf Gegenseitigkeit: Davon konnten sich jeweils 17 Schüler der Humboldt-Schule Kiel und des 4.„Gimnazjums“ in Poznań (Posen/Polen) im Alter von 14 bis 15 Jahren sowie deren Eltern im Laufe der vergangenen fünf Wochen eindrucksvoll überzeugen. Bereits zum dritten Mal fand zwischen den Partnerschulen ein Austausch statt: Während zunächst die Kieler in der Zeit vom 16. bis 21. April von der überschwänglichen polnischen Gastfreundschaft schwärmen durften, gab es für die Humboldt-Schüler und ihre Familien in der Woche vom 6. bis 12. Mai Gelegenheit, sich zu revanchieren. Hier setzte sich der positive Eindruck von ersten Besuch fort: Die Gruppen verstanden sich prächtig. Immer wieder wurde mithilfe des Englischen eine gemeinsame Wellenlänge gefunden:

Ob in gemeinsamen Kunstprojekten, wie dem Bemalen einer mehrere Quadratmeter breiten Plakatleinwand zum Thema “Write a letter which will change the world“ oder dem Erstellen von Animationsfilmen unter dem Titel „Fairplay“, ob in den obligatorischen Unterrichtsbesuchen, der Teilnahme an einem Schulkonzert, an einem internationalem Sporttag mit den befreundeten Partnerschulen aus Finnland und der Schweiz, oder zwei selbstgestalteten Präsentationsabenden für die Eltern: immer empfanden beide Gruppen das gegenseitige Kennenlernen als einen entspannten, freundschaftlichen Prozess.

„Die gleichen Interessen, die gleichen Sorgen, die gleichen Freuden, die gleiche Kleidung, nur andere Muttersprachen, sonst kann ich zwischen ihnen keinen Unterschied erkennen“, meinte die Mutter einer Kieler Schülerin während des von den Schülern gestalteten Abschiedsabends. Lächelnd fügte hinzu: „Ist das nicht eine beruhigende Erfahrung für unsere Jugendlichen?“

Vom Deutsch-Polnischen Jugendwerk und schuleigenen „Verein der Freunde“  wieder einmal großzügig unterstützt, konnten alle Jugendliche, selbst jene aus finanziell schlechter gestellten Familien die einmalige Gelegenheit eines Schulaustausches in Anspruch nehmen. Viele Aktionen, insbesondere die durchgeführten Exkursionen nach Hamburg, Laboe und an die Westküste wären sonst nicht möglich gewesen.

Besonders gelobt wurde von den Eltern die deutsch-polnische Idee, mithilfe einer Mini-Umfrage von etwa 50 Passanten in der Kieler Innenstadt, neue Aufschlüsse über das Wissen und die Ansichten der Fördestädter über ihren östlichen Nachbarn zu erhalten. Während Roman Polanski, Lech Wełęsa von über 50% als gebürtige Polen identifiziert wurden, waren die polnischen Wurzeln von Marie Curie, Kopernikus und Chopin den meisten unbekannt. Den Złoty als Zahlungsmittel kannten mehr als 90%, während nur 46 % über das Nationalgericht Bigos Bescheid wussten. Beim Wissen über die polnischen Städte sah es etwas besser aus: Neben Danzig und Stettin wurden auch Posen, Breslau (Wrocław) und – Vicki Leandros sei Dank – Lodsch (Łódź) von über 50% richtig zugeordnet – und das trotz der Tatsache, dass 60% angaben, noch nie in Polen gewesen zu sein.  86% der Befragten hielten die Entscheidung einer Fußball-Europameisterschaft in Polen für in Ordnung, während sich bei der Frage, ob man als Politiker die Euro 2012 in der Ukraine boykottieren sollte, mit 48%  keine Mehrheit fand.

Nicht nur den Schülern, die am Samstag tränenreich voneinander Abschied nahmen, wird diese gegenseitige Erfahrung in Erinnerung bleiben; auch die Organisatoren, die polnischen Lehrinnen Denka und Szadkowska sowie ihre Kollegen Kay-Broder Binge, Klaus Siewert und Swantje Prang von der Humboldt-Schule sehen das Projekt als vollen Erfolg.

„Die Planungen für einen weiteren Austausch im Schuljahr 2012/2013 laufen schon“, verspricht das Team. 

Besuch aus Posen im Mai 2011

Posener erleben Schleswig Holstein von sonnigster Seite

Vom 4. bis 10. Mai 2011 besuchte eine dreizehnköpfige Schülergruppe unserer Posener Austauschschule die Landeshauptstadt. Die 7 Mädchen und 6 Jungen im Alter von 13 bis 16 Jahren sowie ihre beiden Begleitpersonen staunten nicht schlecht, als sie von ihren Kieler Gastgebern mit einem Transparent am Bahnhof herzlich und vor allem auf polnisch empfangen wurden. Direkt am nächsten Tag ging es nach einer kurzen Begrüßung durch den Schulleiter in Kleingruppen in den Unterricht. Dank der freundlichen Unterstützung der Eltern, zahlreicher Kollegen sowie des Deutsch-Polnischen-Jugendwerks war es möglich ein abwechslungsreiches Programm zu realisieren. Begünstig durch das schöne Maiwetter konnten wir beispielsweise Ausflüge nach Laboe, Lübeck, Husum und zum Leuchtturm Westerheversand organisieren.

Am Sonntag, an dem es keine offiziellen Unternehmungen gab, versuchten die Kieler ihren polnischen Gästen weitere Vorzüge des Landes zwischen den Meeren näherzubringen. Das Freizeitangebot reichte von Kanutouren auf dem Westensee über eine Fahrt nach Dänemark bis hin zu einem Besuch in den Hochseilgarten.

Dieser gelungene Austausch klang am Montag als gemeinsamer Grillabend mit Fördeblick im Akademischen Ruderverein aus.

Aktuelle Informationen zum Austausch 2014/15

 

Auch in diesem Schuljahr läuft der Austausch dem 4. "Gimnazjum" aus Posen und der Humboldt-Schule Kiel auf vollen Touren: Vom 28.9. bis 5.10. waren 11 Schülerinnen und 7 Schüler aus den Jahrgängen 7 bis 9 bei polnischen Jugendlichen gleichen Alters zu Gast und konnten viel Positives berichten:

Erfahrungsbericht von Emma Frenz (9d)

In diesem Jahr habe ich auch einmal am Polenaustausch teilgenommen und dabei sehr gute Erfahrungen gemacht. Meine Gastfamilie hat mich sehr nett aufgenommen und ich habe mich sofort bei ihnen wohlgefühlt. Ebenso habe ich mich sehr gut mit meiner Austauschpartnerin Ania verstanden. In ihr habe ich wirklich eine gute Freundin gefunden.

Mit der Gruppe haben wir auch tolle Ausflüge und Projekte unternommen: Wir haben die Stadt Poznan und ihre Gebräuche gut kennengelernt.

Am Ende der Woche haben wir in Gruppen kleine Theaterstücke einstudiert, die wir dann den Eltern unser polnischen Gastgeber vorgeführt haben. Das hat uns auch noch einmal alle zusammengeschweißt.

Meine Freunde und ich freuen uns schon auf die Woche Ende Mai, wenn die Polen zu uns kommen und hoffen, dass wir ihnen genauso eine unvergessliche Zeit schenken, die sie uns beschert haben!

 

 

Tatsächlich hatte sich die polnische Seite wieder ein sehr abwechslungsreiches und anregendes Programm überlegt: So gab es beispielsweise Mathematik- bzw. Biologieunterricht auf Englisch oder eine Sportstunde, in der die Schüler eine polnische Variante des Faustballs kennen lernten. Außerdem ging die Gruppe sowohl in Poznan als auch in Wroclaw/Breslau auf Stadterkundung. Besonders jedoch gefiel den Schülern das zweitägige Theaterprojekt, das wir in der stillgelegten Bahnstation von Szamocin, einem malerischen Ort zweiandhalb Autostunden von Poznan entfernt, durchführten. Die Schüler übten dort kurze Szenen ein, die aus Erzählungen über ihre Kindheit entstanden waren und auf dem Abschiedsabend zu rührenden und vergnüglichen Momenten beitrugen. Frau Sauer, die mich auf der Fahrt begleitete, sorgte unter anderem dafür, dass bei den offiziellen und inoffiziellen Anlässen stets ein musikalischer Rahmen geschaffen wurde. Selbst bei unserer Abfahrt auf dem Posener Hauptbahnhof wurde kräftig und vielspachig gesungen. Dass dabei die singenden Eltern vom Schaffner zur Ruhe aufgefordert werden mussten, sie hier nur am Rande erwähnt.

 

Kay-Broder Binge